Der Lehrerverband, vertreten durch seinen Vorsitzenden Herrn Düll, spricht sich gegen ein Social-Media-Verbot für Jugendliche aus und bezeichnet ein solches Verbot als realitätsfern. Gegenüber den Stuttgarter Nachrichten begründet er seine Haltung damit, dass Social Media mittlerweile ein fester Bestandteil der Lebensrealität junger Menschen sei:
„Facebook, Instagram und TikTok sind Teil einer Realität, in der junge Menschen lernen müssen, sich zurechtzufinden. Verbote helfen da nicht weiter.“
Außerdem hätten Jugendliche ein Recht auf Information – auch über Social Media:
„Es kann uns gefallen oder nicht: Aber wenn sie sich zum Beispiel über Politik informieren, geschieht das oft über Social Media.“
Düll appelliert an Eltern und Schule, den klugen Umgang mit dem Internet und sozialen Medien zu lernen, anstatt auf Verbote zu setzen.
Doch ist ein Verbot wirklich so realitätsfern?
Ist es wirklich weltfremd, ein bekanntes Suchtmittel in einem bestimmten Alter zu verbieten? Oder übertragen wir mit dieser Argumentation nicht unbewusst gefährliche Muster?
Was wäre, wenn wir diese Logik auf andere Substanzen anwenden würden? Müssten wir dann auch Alkohol und Cannabis in der Schule erlauben, um den „klugen Umgang“ mit diesen Stoffen zu erlernen? Schließlich gehören sie ebenfalls zur gesellschaftlichen Realität. Und junge Menschen hätten dann vielleicht auch ein „Recht auf einen Rausch“?
Das würde im Übrigen auch der Volkswirtschaft helfen – Brauereien verkaufen weniger Bier, da käme jugendlicher Konsum gerade recht.
Wird das Suchtpotenzial unterschätzt?
Man könnte den Eindruck gewinnen, dass der Lehrerverband entweder das Suchtpotenzial von Social Media unterschätzt – oder sich noch nicht ausreichend mit den Mechanismen dahinter auseinandergesetzt hat. Denn die Realität ist: Die klügsten Köpfe der Welt arbeiten daran, die Nutzer:innen möglichst lange auf den Plattformen zu halten – durch Algorithmen, die auf Impulskontrolle und Dopaminsteuerung zielen.
Die aktuelle DAK-Studie zeigt: Rund 25 % der Jugendlichen zwischen zehn und 17 Jahren weisen ein temporäres, problematisches Nutzungsverhalten im Bereich Social Media auf. Das ist ein gesellschaftliches Alarmsignal.
Vielleicht verklärt der Lehrerverband auch eine Internet-Vergangenheit, in der es noch um den freien Austausch von Informationen ging – und nicht, wie heute, um das Ausschlachten von Aufmerksamkeit durch konzerngetriebene Plattformen mit rein kommerziellen Interessen.
Was wäre die Alternative?
Datenrückflüsse bei der Social-Media-Nutzung führen dazu, dass Nutzer:innen umfassend analysiert und mit maßgeschneiderten Inhalten versorgt werden, um sie möglichst lange am Bildschirm zu halten. Politische Inhalte sind dabei eher die Ausnahme – und wenn, dann kommen sie nicht selten von verfassungsfeindlichen Kräften.
Wenn der Lehrerverband neben seinem Appell an Eltern und Schulen auch einen konkreten Masterplan vorlegen könnte, wie man das Suchtmittel Social Media ohne Verbote in den Griff bekommt – wir wären sehr dankbar!
Denn: Gegen etwas zu sein, ist leicht. Gegen Verbote zu sein, ist populär. Aber was ist der konstruktive Gegenvorschlag?
Vielleicht braucht es das Verbot gerade weil zu lange nichts passiert ist
Möglicherweise hätten wir diese Debatte heute gar nicht, wenn Schule und Eltern das Thema Smartphone und Social Media früher ernst genommen hätten. Jetzt, wo sich exzessive und unkontrollierte Nutzung in vielen Familien und Klassenzimmern zeigt, braucht es vielleicht ein Verbot – nicht als Dauerlösung, sondern als Weckruf, um neue Wege zu finden.
Was wir von Smartphone-Begleiter fordern
Auch wir von Smartphone-Begleiter.de sind keine Fans von pauschalen Verboten. Aber wir sehen die Realität – und die ist:
Ohne klare Regeln und gemeinsame Verantwortung geht es nicht.
Was das konkret bedeutet:
Für Eltern:
- Vorbildliches Medienverhalten vorleben
- Die Nutzung altersgerecht steuern
- Kindern mit jedem Lebensjahr mehr Möglichkeiten geben – aber sie vor suchtverstärkenden Inhalten schützen
- Private Smartphones nicht für schulische Zwecke nutzen
Für Schulen:
- Das Thema aktiv und regelmäßig mit Lehrkräften, Eltern und Schüler:innen bearbeiten
- Medienkompetenz als festen Bestandteil des Schulalltags verankern
- Den offenen Dialog fördern statt nur zu reagieren
Denn ja: Social Media ist Teil unserer Realität. Aber wir müssen lernen, diese Realität verantwortlich zu gestalten – gemeinsam.

